Sibylle Peters: Utopie / Uchronia

Die Körper der Zeit

Vortrag, gehalten auf dem Kongress »Utopische Körper« an der Volksbühne Berlin 2003

Abstract

Wo im 20. Jahrhundert »gemeinschaftliche Utopien im Kleinen realisiert« wurden, ging dies oft mit einer Ablehnung gegenüber allgemein-zeitlicher Disziplinierung einher. Der gesetzlichen Zeit (Mean Time) wurden Eigenzeiten entgegengesetzt, die sich im Hinweis auf (individuell-natürliche) Körperrhythmen legitimierten. Dem korrespondiert heute eine wachsende Forschung zum Thema gesellschaftlicher Zeitorganisation. Utopisches Potential haben dabei unter Umständen stadtplanerische Ansätze, die durch die Einrichtung städtischer »Zeitbüros« öffentliche Zeitorganisation optimieren wollen. Häufig begegnet man in der entsprechenden Forschung aber auch der Diagnose, die Zeitnöte der westlichen Gesellschaften seien durch eine Abkopplung von natürlichen Rhythmen verursacht.

Diese substantialistische These vom ›natürlichen Rhythmus‹ ist zunächst – so mein Plädoyer – in die konkrete Frage nach der Physis der physikalischen Zeitmessung umzukehren: Das 1978 in Kraft getretene Zeitgesetz der Bundesrepublik erteilt der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt die Aufgabe, die gesetzliche Zeit gemäß der Definition der Cäsium-Sekunde darzustellen. Seither basiert unsere Zeitmessung, genauer: die Darstellung der gesetzlichen Zeit, auf dem ›Mattering‹ von mit Mikrowellen bestrahltem Cäsium.

Im Zuge der Entwicklung eines dynamischen und differentiellen Verständnisses von Materie (Mattering) haben Körpertheorien darauf abgehoben, dass Handlung (Agency) nicht als etwas gedacht werden kann, das sich in der Zeit vollzieht, sondern dass Handlungen ihrerseits an der Generation von Zeit beteiligt sind. Die derzeitige Generation öffentlicher Zeit ist diesbezüglich hoch exklusiv: nur wenige (vor allem naturwissenschaftliche und militärische) Agenturen finden Eingang. Hier muss eine an den aufgerufenen Körperpolitiken orientierte Kritik ansetzen; denn Zeit-Generation ist nichts anderes als stete Verkörperung / Materialisierung gesellschaftlicher Steuerung.

Hieße das in der Konsequenz eine Utopie auszurufen, in der es um eine neue Art der Zeitmesung bzw. um eine Generation öffentlicher Zeit geht, für die die Frage »what matters« in ihrer Offenheit bestimmend wäre? Wissenschaftlich geht es zunächst um ein Plädoyer dafür, Utopie heute als ›Uchronia‹ zu denken, denn wenn es bei der Frage der Utopie um einen »test of what is left of our capacity to imagine change« geht, dann ist aus körperpolitischer Perspektive darauf zu verweisen, dass Veränderung im Sinne von ›Mattering‹ immer Veränderung der Zeit selbst ist.