Sibylle Peters: Heinrich von Kleist und der Gebrauch der Zeit
Von der MachArt der Berliner Abendblätter
Was sind Medien? Medien sind das, was Bedeutungsproduktion zeitigt, also das, was einer Kommunikation ihre jeweils spezifische zeitliche Form gibt und anweist. Das legt schon der Name jenes Mediums nahe, das zuerst als solches bezeichnet wurde: die Zeitung.
Dass die BERLINER ABENDBLÄTTER von 1810/11 eine Zeitung in diesem auf Zeit gemünzten Sinn sind – von dieser Hypothese geht die Studie Heinrich von Kleist und der Gebrauch der Zeit aus. Schon in dem Text Von der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden ist Kleist einem solchen Verständnis des Medialen auf der Spur: Idee und Realisierung, Plan und Umsetzung – alle Verhältnisse dieser Art tendieren dazu, den Faktor Zeit auszublenden und so mit der Zeit zu scheitern. Kann man sie durch eine Produktivität ablösen, die selbst zeitlich gesteuert ist?
Die ABENDBLÄTTER wollen »ein Blatt für alle Stände des Volkes« sein. Um Zusammenhänge zwischen den Beiträgen entstehen zu lassen, nimmt die Redaktion nicht Bezug auf ein übergreifendes Konzept, sondern lässt den Takt des täglichen Erscheinens für sich arbeiten. Die Zeitlichkeit der Zeitung ermöglicht ein Kalkül mit dem Zufall – zum Beispiel: Was für Beziehungen lassen sich herausarbeiten bzw. erkennen zwischen den Texten, die (zufällig?) in ein und derselben Ausgabe landen? Ein Verweisspiel zwischen Texten unterschiedlichsten Zuschnitts entsteht – zwischen Polizeiberichten, ästhetischen Traktakten und Anekdoten.
Kontur gewinnt das Verfahren im Vergleich mit den um 1800 dominanten Konzepten ästhetischer Zeiterfahrung. Das Modell des kreativen, des künstlerischen Prozesses grenzt sich ebenfalls von einsinnigen Relationen zwischen Plan und Umsetzung, Idee und Realisierung ab. Doch wird die Möglichkeit einer zeitlichen Steuerung hier auf den Bereich der Kunst eingeschränkt und womöglich gar dem Genie vorbehalten. Mit den BERLINER ABENDBLÄTTERN setzt Kleist an die Stelle des künstlerischen Prozesses die Eigenzeitlichkeit des Medialen; sie sind Experiment auf den Gebrauch der Zeit.