Kai van Eikels: Zeit zur Liquidierung des Geldes
Geld lohnt nicht mehr.
Es lohnt nicht mehr aus einem Grund, der die traditionelle Auseinandersetzung zwischen den Kritikern des Kapitalismus und den Stimmen seiner Selbstbehauptung in einer unvermuteten Richtung durchkreuzt. Geld schafft genau das nicht mehr, was man seit dem 19. Jahrhundert als seine große kulturelle Leistung gefeiert oder als kulturelle, soziale und politische Erosion beklagt hat: es bringt nicht mehr in Bewegung, beschleunigt die Entwicklungsprozesse nicht mehr über ihren eigenen Fortgang hinaus, wirkt in seiner reflexiven Ablösung vom Hin und Her der Gegenstände nicht mehr potenzierend, universalisierend, entgrenzend.
Von den vielfältigen Prozessen der Steigerung, in die sich der antike griechische Impuls des aristeuein im Verlauf der Jahrtausende zerstreut hat, haben unterdessen viele eine Grenze überschritten, wo es ohne Geld viel leichter weitergehen würde – nicht zuletzt in der Wirtschaft, deren Begriff von Dynamik die Problematik des Geldes heute vielleicht sogar am unmissverständlichsten deutlich werden lässt.
Geld ist nicht mehr dynamisch genug, um mit den Erwartungen schrittzuhalten, die eine postfordistische Produktion an ihre Zukunft stellt. Es hat sich vom Inzentiv zum Hemmer der Produktivität gewandelt. Immer mehr Projekte, ob auf staatlicher oder privatwirtschaftlicher Ebene, scheitern an unzureichender Finanzierbarkeit, und die Spur dieses Scheiterns zeigt keineswegs einfach nur „neue Chancen“, mit weniger Geld etwas anderes auf die Beine zu stellen, sondern eine heiklere und tiefgreifendere Veränderung: eine Umwertung der Währung, die Umkehr des Geldes selbst als dasjenige, was währt, was in einer gewissen Weise Zeit bindet und durch diese Zeitbindung Produktivität organisiert, vom Medium des Ermöglichens und des Verwaltens von Möglichkeiten zum medialen Tool einer Reinigung der Zirkulation, deren Ziel schon immer Null war und die dieses Ziel mittlerweile erreicht hat.
Man wird anfangen müssen, den Markt statt von der monetären Transaktion ausgehend von sozialen Vorgängen und Beziehungen zu denken – nicht um ein romantisches Soziales gegen den hartherzigen Realismus der Wirtschaft zu schützen, sondern weil die Aktionen des Kaufens und Verkaufens sich aus einer eigenen Dynamik heraus sozial redeterminieren. Geld könnte durchaus in nicht gar so ferner Zukunft aufhören, die Identität des Systems Wirtschaft zu symbolisieren. Wenn es nicht mehr das Medium zur Selbstreinigung des Marktes ist, sondern sich auf seinen eigenen Markt zurückgezogen hat, erlangt der kommerzielle Akt, das Handeln im doppelten Sinne des Wortes, die Freiheit, sich als Akt neu zu bestimmen. Die Frage, welche Währung an die Stelle des Geldes tritt, welches Medium diesen Akt trägt und ihm gestattet, sich zuzutragen, antizipiert diesen Moment einer Neubestimmung.
Inhalt: 1. Das zähflüssige Äquivalent – Die Umwertung der Währung – Der übersprungene Aufschub – Der Druck der Echtzeit – Das Zittern mit der Flexibilisierung – Die totale „Sozialisierung“ des Geldes – Zählen: Geld oder Zeit? – Der fragliche Wert des Messens – Kapitalistische Zeitmessung – 2. Aporien des Kaufens – Zahlungserinnerungen – Die fremde Sprache der Zahlen – Szenen der Bewertung – Wie kaufen? – Wie nicht verkaufen? – Wann zahlen? – Die Zeit als Währung – Struktureller Leichtsinn: Die Genügsamkeit des Mehr
Und dazu als Hintergrundmusik gut zu hören: das Lied vom Ende des Kapitalismus von Peter Licht