Kai van Eikels: Synchronisierung
Zum Gebrauch von Zeitdifferenzen
Zusammenfassende Darstellung eines Beitrags auf der Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft 2008 »Geteilte Zeit«
Download als PDF Heft 2-2007 und 1-2008
Es ist gerade das Ungefähre in der Angleichung von Rhythmen, die stets verbleibende oder neu hervortretende Differenz zwischen den individuellen Rhythmen, die das Besondere von Synchronisierungseffekten ausmacht. Nicht, dass alle das Gleiche tun oder das, was sie tun, im gleichen Takt ausführen, sondern dass jeder in einem Kollektiv einen Sinn dafür entwickelt, wie mit den feinen Differenzen in der Annäherung von Rhythmen umzugehen ist, stellt das strategisch interessante Moment von Synchronisierung dar.
Die Frage lautet daher: Wie gebrauchen Menschen Zeitdifferenzen? Wie verwenden sie das, was ihr Handeln, ihr Sichbewegen (und das heißt auch: die Bewegungen ihrer Rede, ihres Denkens, ihrer Leidenschaften…) ungeachtet aller programmatischen Gemeinsamkeiten voneinander trennt, um interaktive Prozesse zu organisieren – Prozesse, die trotz dieser Trennung oder gerade durch sie kollektive Aktionen gelingen lassen?
Diese Frage betrifft die Künste, vor allem die sog. performativen Künste. Aber sie betrifft auch die Politik: Je geringer das Vertrauen in den Staat und in die großen Institutionen wird, die für sich beanspruchen, Kollektive zu repräsentieren, desto mehr Bedeutung gewinnen informelle, dynamische, sich mehr oder weniger beiläufig aus einzelnen Initiativen bildende kollektive Konstellationen, deren Akteure weder die Notwendigkeit sehen noch bereit wären, ihre individuelle Freiheit für die Gruppe aufzugeben, und die sich darauf beschränken, einen Teil ihrer Aktivitäten mit denen von ein paar anderen zu synchronisieren: Bürgerbewegungen, die sich über Online-Communities organisieren, informelle ›Experten‹-Netzwerke wie Wikipedia, die das, was als Wissen zählt, neu definieren, etc.
Unser Denken des Kollektiven selbst sieht sich durch die erstaunliche Effektivität einiger Synchronisierungen herausgefordert. Und die Aufgabe bestünde darin, eine Ästhetik der Synchronisierung zu entwickeln, die wesentlich eine politische Ästhetik wäre, denn sie hätte kritisch zu reflektieren, wie Menschen, deren Freiheit in ihrer Trennung besteht, sich zusammen bewegen, zusammen handeln und zusammen leben.