Kai van Eikels: Rache

Zur Figuration politischer Zeit

Der Nachteil der Rache besteht immer darin, dass sie Zeit braucht und dass die Zeit, die sie braucht, die Zeit für eine Wiederkehr ist.

Im Grunde wäre die Rache auf die Revolution angewiesen, d.h. darauf, dass die allgemeine, die soziale, politische und historische Zeit in irgendeinem Augenblick die Möglichkeit einer Rückkehr in die Situation des widerfahrenen Unrechts freigibt.

Die Zeit indes, die kein tragisches Weltgedächtnis zurückhält, vergeht und tut niemals etwas anderes als zu vergehen. Gegen diese Einfalt der Zeit ist kein Wille stark genug, und in einem Kräftemessen wird stets derjenige der Erfolgreiche sein, der sich mit der Macht der vergehenden Zeit verbündet. Doch an diesem Punkt erhebt sich der Anspruch der Rache erst: Denn das Vergehen der Zeit ist politisch nicht neutral.

Der Aufsatz untersucht die Figuration von Zeit durch den Willen zur Rache an zwei Beispielen: einer japanischen Horrorgeschichte von Lafcadio Hearn und dem Film Memento von Christopher Nolan. Er versucht, der dominierenden Aufassung, derzufolge Rache ein achaisches, vorpolitisches Phänomen ist, ein differenzierteres Verständnis der Zeitlichkeit einer »Rückkehr in den Augenblick des Unrechts« entgegenzusetzen:

»Unser geläufiges Verständnis von Rache sieht diese in Verbindung mit einer zyklischen Wiederkehr und einer Dynamik der Eskalation. Die im Zusammenhang mit der Rache allgegenwärtige Rede von der ›Spirale der Gewalt‹ suggeriert eine Konvergenz von Symmetrie und Unendlichkeit: Gewalt provoziert Gegengewalt ad infinitum, bis zu dem Punkt, wo die gesamte Energie verbraucht ist, weil das System kollabiert, weil alle tot sind oder niemand mehr Kraft hat, um weiter zu töten, oder weil eine andere, größere, historische Gewalt den persönlichen Rachefeldzug in sich aufnimmt und neutralisiert.

Das motiviert dazu, die Rache abzulehnen und die Leistung einer Verfassung zu begrüßen, deren Allgemeinheit die Symmetrien von Gewalt und Gegengewalt unterbricht: vernünftige Option für die Unterbrechung und den Aufschub, auch für die diplomatische List der Verzögerung und Abwendung.

Es handelt sich dabei um ein klassisch modernes Verständnis, das die Rache ins Vormoderne, in die Frühphase der eigenen Geschichte verweist: Rache ist das, was mit dem Gesetz, mit dem Gewaltmonopol einer das Gesetz vertretenden Herrschaftsinstanz überwunden wurde, und diese Überwindung der Rache und der Übergang zu einer Ordnung der Strafe (ergänzt ggf. durch einen zivilrechtlichen Bereich des quantitativen Ausgleichs) stellen einen wesentlichen Aspekt der politischen Vernunft dar.

Was jedoch, wenn es eben diese unvergleichlich größere Gewalt der historischen Entwicklung ist, die zum Anlass und deren Träger zum Objekt der Rache wird? Wenn die Rache nicht zwischen zwei in einem neutralen und neutralisierend eingreifenden Ganzen gleichermaßen vereinzelten, sich symmetrisch gegenüberstehenden Parteien ausgetragen wird, sondern zwischen denen, die die Geschichte vergessen haben wird, und dem Subjekt des historischen Diskurses, zwischen den Dummen der Geschichte und den Vertretern der überlegenen Intelligenz? Wenn es also mit dem Racheakt nicht darum geht, etwas abschließend und ausgleichend zu vergelten, sondern darum, etwas, was bereits beschlossen ist, wiederaufzunehmen, weil das Ende, mit dem dieser Beschluss ergeht, ja die Etablierung der Endlichkeit zu diesem Zeitpunkt und in diesem Zustand von Zeit ein Unrecht darstellt?

Man hätte die Rache dann an dieser Aufgabe zu messen: ein Unrecht zu zeigen, das, letztlich, die Irreversibilität der Zeit, die historische Faktizität des Faktischen ist. Die Rache wäre ein immanenter Aufstand gegen das Faktische des ›Es wird so passiert gewesen sein‹, und ihre Gewalt diente vor allem der De- und Refiguration von Zeit, der Erzeugung von Evidenz in der Figur einer Rückkehr in den Augenblick des Unrechts.«

Kai van Eikels: Rache. Zur Figuration politischer Zeit