Kai van Eikels: Poetik der Zeitkürzung
Zur temporalen Organisation im Management
Eine verkürzte Version dieses Textes wurde am 21.6.2003 auf der Konferenz »Zum Zeitvertreib« des Graduiertenkollegs »Zeiterfahrung und ästhetische Wahrnehmung« in Frankfurt am Main mit einer PowerPoint-Präsentation und Anmerkungen von Sibylle Peters als Vortrag gehalten.
Abstract
»Zeitkürzungsspiel« ist im 18. Jahrhundert ein geläufiger Terminus für das, was wir heute Gesellschaftsspiel nennen. Novalis legt in seinem Roman Heinrich von Ofterdingen jedoch nahe, die Zeitkürzung auf sehr direkte Weise als poetisch bzw. poetologisch zu verstehen: als fortwährende Rückübersetzung des auf der Achse einer vergehenden Zeit sich erstreckenden Geschehens in einen sich immer stärker verdichtenden Augenblick. Er macht diesen verkürzenden und intensivierenden Zeitvertreib zum Movens poetischer Produktivität, und zwar durch die literarischen Figuren einiger bemerkenswerter Geschäftsleute.
Mit der einsetzenden Industrialisierung bindet das offizielle Zeitverständnis und die allgemeine Zeiterfahrung Produktivität an Arbeit, und der Zeit der Arbeit wird eine Zeit der Muße entgegengesetzt, in der sich eine die Arbeit psychisch ausbalancierende Kreativität entfaltet. Novalis‘ Kaufleute argumentieren genau auf dieser Linie eines Wechsels von Arbeitsphasen und regenerativen Mußephasen, in denen die Kunst ihren Platz und ihre Funktion habe. Doch während sie dieses Modell propagieren, befinden sich die Kaufleute in ihrem Dialog mit dem werdenden Dichter Heinrich von Ofterdingen schon tief in die Dynamik des Dichtens verstrickt – einer Tätigkeit, die sich definitiv weder der Arbeit noch der Muße zurechnen läßt und um so größere Effizienz im Umgang mit der Sprache gewinnt, je bereitwilliger sie sich deren müßigem Spiel überläßt. Kaufmann und Dichter sitzen einander während dieser Reise als zwei Pole einer Reflexion gegenüber.
Statt von Arbeitszeit und Freizeit sollte man besser von zwei verschiedenen Ökonomien sprechen: einer Ökonomie der zirkulär betrieblichen Organisation von Arbeit in den Grenzen einer linear verstandenen Zeit und einer poetischen Ökonomie der Zeitkürzung und der Redeterminierung von Tätigkeit zu den Bedingungen eines sich reflexiv differenzierenden Augenblicks.
Diese terminologische Verschiebung ist auch für aktuelle Fragen nach dem Verhältnis von Zeit und Produktivität wieder von Belang. Spätestens seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wird die Zeitordnung des rhythmischen Wechsels von Arbeitszeit und Freizeit von zwei Richtungen her in Frage gestellt: Während Freizeitaktivitäten zunehmend die Dramaturgien des klassischen Konzepts von Arbeit übernehmen und zum Ort einer Re-Inszenierung traditioneller linearer Leistungssteigerungs-Ideologismen werden wie im Extremsport oder Bildungstourismus, reflektiert die Arbeitswelt sich immer mehr im Begriff der Kreativität und verlangt spontane Organisations- und Kommunikationskompetenzen statt ableitbarer materieller Leistungen.
Am deutlichsten wird das auf der Ebene des Managements. Hier sind im Selbstverständnis eines Berufes und seiner Einbettung in die Lebenszeit so nachhaltige Änderungen zu bemerken, daß Management-Modelle und besonders Verfahren des Zeitmanagements dazu nötigen, den Begriff der Arbeitszeit radikal neu zu befragen.
Der Aufsatz versucht eine literatur- und kulturwissenschaftliche Lektüre jener textuellen, historisch-sozialen und Erfahrungs-Spuren, in denen sich ein Diskurs des Managements dokumentiert. Dieser Diskurs zieht sich durch einige wirtschaftswissenschaftliche Analysen, Dutzende von Ratgebern, weltweit Tausende von Workshops für Führungskräfte, die Angebote und Selbstdarstellungen von Consulting-Firmen, Artikel in Manager-Magazinen sowie durch einige Briefings und Business-Meetings, an denen der Autor selbst teilgenommen hat.
Kai van Eikels: Poetik der Zeitkürzung. Zur temporalen Organisation im postindustriellen Management