Kai van Eikels: Eskalation des Friedens

Überlegungen zu einer Zeit diesseits des Endes vom Krieg

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Abstract

»This conflict was begun on the time and terms of others. It will end in a way, and at an hour, of our choosing.«

Das sagte George W. Bush in seiner Rede am 14. September 2001, drei Tage nach der Zerstörung des World Trade Centers. Zugleich schockierte sein Deputy Defense Secretary Paul Wolfowitz die Weltöffentlichkeit mit der Formulierung: »The US should end States that support terrorism.«

Diese Statements artikulierten zum ersten Mal unverhohlen eine Politik des Beendens. Wir haben seither verstärkt Anlass zum Nachdenken über die Zeit des Krieges: über das Vorläufige und das Endgültige, über Aufschub und Übereilung, Zögern vor der Gewalt und Gewaltsamkeit des Zögerns, Entschlossenheit zum Handeln und Ablösung der Handlungsfähigkeit von konkreten Resultaten, Auseinanderfallen von Zielen, Zwecken und Konsequenzen und Vereinheitlichung der Perspektiven in der Determinierung von measures. Denn es scheint, als ob Krieg und Frieden, deren Unterscheidung niemals unkompliziert gewesen ist, nunmehr in ein Verhältnis treten, dessen Komplikationen das Ende des Krieges zur Disposition stellen.

Die Beendbarkeit des Krieges steht in Frage nicht allein, vielleicht nicht einmal mehr vornehmlich hinsichtlich der Realisierbarkeit von Plänen für ein friedliches Zusammenleben aller Menschen auf der Erde, vielmehr hinsichtlich des Sinns, den dieses Ende haben kann, soll, muss: Was heißt Ende des Krieges? Welche Bedeutung hat es, den Zeitpunkt, da der Krieg enden wird, selbst zu bestimmen? Auf welche Weise beeinflusst der Kampf um die Bestimmungsmacht über die Zeit des Endes den »Konflikt«? Und welche Rolle spielt dabei die Option, Staaten zu »beenden«?

Diese Fragen betreffen nicht irgendeine ungewisse Zukunft, sondern die Gegenwart, insofern sie definitiv ist: diesen Augenblick, in dem der Krieg begonnen haben wird zu Ende zu gehen oder aber endgültig »on the time and terms of others« weitergeht. Sie betreffen die Bestimmung politischer Zeit und die politische Bestimmtheit von Zeit durch das Verhältnis von Krieg und Frieden.

Der Text analysiert die Verschiebungen in der »Zeit zum Kriege«, die mit den Interventionskriegen seit 1991 eingetreten ist, und fragt zugleich nach einem angemessenen Begriff der Friedens: Gibt es in dieser Situation die Chance zu einem Denken des Friedens, das nicht absichtsvoll oder unfreiwillig mit den Strategien der Prekarisierung von Frieden, der Verwendung von »Friedensfähigkeit« als globales Steuerungs- und Ordnungsinstrument kollaboriert? Wäre es dennoch denkbar, heute den Frieden zu erklären, um mit einer solchen Erklärung den laufenden Ermittlungen bezüglich der Friedensfähigkeit eines jeweils neu zu benennenden »Regimes« zuvorzukommen?

Um die Spuren eines anderen Friedens-Begriffes freizulegen, wird eine Neulektüre der Arbeiten von Emmanuel Lévinas unternommen. Die Ethik des Anderen, die Lévinas in zahlreichen Texten ausgearbeitet hat, versteht sich ausdrücklich als Denken des Friedens und entwickelt, im Spannungsfeld zwischen konkreten historisch-politischen Bezügen und einer metaphysischen Kritik des Historischen und Politischen, einen Begriff des Friedens, der im Kontext der globalen Konsolidierung neu zu entdecken wäre. Im Zentrum der Auseinandersetzung mit Lévinas steht dabei eine zeitliche Bestimmung des Friedens nicht vom Aufschub der Gewalt, sondern von einem Einbruch des Rechtzeitigen ins Kontinuum der zeitlichen Verfehlung her, die Gewalt und Gewaltlosigkeit in ein neues Verhältnis bringt.