Kai van Eikels: Die Kunst des Weitermachens
Vortrag, gehalten am 30.8.2007 im Kunstmuseum Vaduz anlässlich der Ausstellung »Auszeit. Kunst und Nachhaltigkeit«
Abstract
Was heißt, im Falle eines Handelns, eines Geschehens oder Ereignisses, also im Falle von etwas Zeitlichem, wesentlich Flüchtigem, eigentlich Bleiben?
Offenbar etwas anderes als das Erhaltenbleiben von materiellen Dingen, die dem Vergehen einen gewissen Widerstand entgegensetzen, die sozusagen später vergehen und nicht jetzt gleich, und sich währenddessen vielleicht sogar regenerieren. Aber inwiefern anders?
Der Vortrag diskutiert die Problematik einer »Nachhaltigkeit« von Handlungen und fragt dabei nach der Zeitlichkeit des menschlichen Handelns, das die Welt verändert, ohne sich in etwas anderem als der Veränderung zu erhalten. Und dies sowohl hinsichtlich der Politik als auch hinsichtlich der Kunst.
Dafür greift er eine Unterscheidung Platons auf, der zwischen zwei Momenten des Handelns differenziert: dem archein, d.i. das Anfangende, etwas Neues Eröffnende in einer Handlung, und dem prattein, d.i. das Aus- oder Durchführen, das dem Anfang eine nachhaltige Wirkung erschließt.
Platon privilegiert das archein und verknüpft die visionäre Kraft, etwas Neues zu erblicken, mit dem Anspruch auf Herrschaft. Die Privilegierung des Anfangens gegenüber dem Durchführen und Weitermachen impliziert ein oligarchisches Gesellschaftsmodell, das heute, wo Innovationskraft, »vision«, Kreativität usw. zu Leitwerten erklärt werden und die Kreativen eine Elite bilden, während das Heer der bloß Ausführungsgeeigneten um Arbeit betteln muss, in aller Härte verwirklicht scheint.
In diesem Zusammenhang kommt auch die Figur des Künstlers ins Spiel, den die neoliberale Wirtschaft sich gerade als unkonventionellen Erneuerer, als jemanden, der rücksichtslos überall neue Anfänge sieht oder schafft, zum Vorbild genommen hat.
Demgegenüber stellt der Vortrag die Frage, was eine Produktivität des prattein, des Weitermachens wäre – inwiefern das Fortführen eines Anfangs, das niemals nur durch einen Einzigen, sondern immer durch Mehrere, teils kollektiv, teils auf unterschiedlichen individuellen Bahnen geschieht, als eine eigene Sphäre der Produktion ernst genommen zu werden verdient, und zwar sowohl in der Kunst als auch in anderen Bereichen des Produzierens.