Japan, Erdbeben, Atomkraft - Die Zeit der Verantwortungslosigkeit
„Dieses Volk ist krankhaft gehorsam“, sagt deGoede, der belgische Freund des Fotografen aus Mokusei!, während die beiden am Neujahrstag mit der Schlange der geduldig wartenden Japaner in den Kaiserpalast hineinwandern.
In der Tat schließt das Klischee vom Japaner an negativen Eigenschaften nicht nur mangelnden Widerspruchsgeist, sondern auch eine schafsähnliche Sorglosigkeit innerhalb der vorgezeichneten Lebenswege und Verhaltensmuster ein. Anläßlich der Überschwemmungen 1998 konnte man in deutschen Nachrichtensendungen japanische Angestellte sehen, die korrekt gekleidet und mit gleichmütigem Blick durch hüfthohes Wasser zur Arbeit wateten. Und wer das noch amüsant fand, wurde spätestens mit dem Nuklearleck in einem Kraftwerk bei Tôkyô darüber belehrt, welche Gefahren eine Haltung birgt, die das Einhalten sozialer Formen an die Stelle persönlicher Verantwortung setzt.
Auf der einen Seite werden Dramatisierungen individueller Probleme prinzipiell vermieden, da das Subjekt nirgends eine Szene findet, auf der es seine Sache geltend machen könnte. Auf der anderen Seite fehlen die Konstruktion ‚geteilte Zukunft‘ und eine aus dieser Mit-Teilung hervorgehende Gemeinschaft als Korrektiv für riskante Vorgänge, die sich innerhalb der gegenwärtigen gesellschaftlichen Strukturen etablieren.
Ein japanischer Hegel-Forscher reagierte lächelnd auf meinen Einwand gegen seinen Versuch, Hegels Konzeption der Geschichte in die Nähe „japanischen Denkens“ zu ziehen.
„Widerspricht nicht die langfristige, über eine Folge von Aufhebungen von Stufe zu Stufe voranschreitende Entwicklung, die Hegel in der Phänomenologie erzählt und in die das denkende Ich des philosophischen Erzählers sich bereits vorausschauend selbst einbegreift, irgendeinem Denken, das man ‚japanisch‘ nennen könnte, schon durch diese Dominanz der Planung bzw. rücksichtsvollen Vorbedacht?“ hatte ich zu bedenken gegeben. „Schließlich scheint sich mir die Positivität des Nichts, wie sie im japanischen Buddhismus erfahren werden soll, vor allem durch etwas zu erschließen, was aus unserem geschichtlichen Denken, also von Hegel her undenkbar bleibt: ein Keine Zukunft!, das diese Einsicht, die ich eben gerade gewinne, wie fragmentarisch, unvollkommen, enttäuschend und zugleich vielversprechend sie auch sei, ohne weiteren Aufschub zur jeweils letztgültigen bestimmt. Hinsichtlich der Erfahrung des Nichts führt ein Weg zwar immer weiter, und wer ihn beschreitet, muß jederzeit die Notwendigkeit des kôjô, des Darüberhinausgehens, beachten. Aber dies nur, indem der Weg von Anfang an hier endet. Von hier bis zur Provinz Chen sind es dreihundert Meilen, sagt Jôshû, aber von der Provinz Chen bis hier ist es keine Entfernung. Das dürfte Heidegger gemeint haben, als er sagte, mit unserer Idee des Weges könnten wir dahin gar nicht gelangen, wo die Japaner schon sind. Es ist dieses schon sind, was von unserer Idee des Weges abgeht – und es ist dieses schon sind, woraus der Weg zum Nichts, wenn man davon so sprechen kann, sich überhaupt erst ergibt.“
Mein Gesprächspartner nickte. Er saß an seinem Schreibtisch dem Rechner zugewandt, während ich mir einen Stuhl herangezogen hatte. Seine Einladung, doch Platz zu nehmen, hatte sich auf diesen Stuhl bezogen – aber der Stuhl stand an einem Konferenztisch, der leer blieb, da der Professor seinen Schreibtischsessel bevorzugte, und der Abstand zwischen uns blieb trotz dieser improvisierten Aktion, durch die ich nun irgendwo mitten im Raum saß, lächerlich groß.
„Wir sind ganz unverantwortlich, nicht wahr“, sagte er.
Es schien mir an dieser Stelle nicht zu unhöflich, auf den Vorfall im Kernkraftwerk von Tôkaimura zu sprechen zu kommen. Wie schon andere zuvor erklärte der Professor, daß er von dem Unfall und den schlimmen Folgen erst durch einen Freund aus dem Ausland erfahren habe. Fernsehen und Presse in Japan hatten zunächst nichts darüber gebracht.
„Schließlich“, hakte ich nach, „stellt es ohnehin ein hochriskantes Unternehmen dar, auf einer Insel, die in durchaus realistischen Abständen von schweren Erdbeben erschüttert wird, Atomkraftwerke zu betreiben. – Aber kaum jemand versteht, was das ist: Risiko. Oder?“
Der letzte Satz, hinzugefügt, weil ich nicht als einer dieser moralisierenden ökologisch bewußten Deutschen dastehen wollte, die man hier offenbar ebenso ausführlich lobte wie insgeheim verspottete, hatte eine sonderbare Wirkung. Der Professor wirkte ernstlich amüsiert. Er lehnte sich zurück, und sein Gesicht spiegelte die Nuancen eines wirklich guten Witzes. Auch während der folgenden Erläuterungen hörte er nicht auf, still in sich hineinzukichern, und zum ersten Mal bei meinem Aufenthalt hatte ich das Gefühl, direkt mit so etwas wie japanischem Humor in Berührung zu kommen. Ich verstand nicht genau, worüber er lachte. Aber ich hatte es wenigstens gesagt.
„Sehen Sie, wir denken: Es geht sowieso schief“, entgegnete er. „Es geht sowieso schief – ob früher oder später. Vielleicht ist das so in einem Land, in dem es immer schon Erdbeben gab, und die Menschen haben durch die Jahrhunderte eine Erdbeben-Mentalität entwickelt, die sich bis heute irgendwie durchhält. Denken Sie an Kobe – eine Millionenstadt fällt zusammen, also baut man sie wieder auf. Man macht mit dem Nächstliegenden weiter, aber am Ende, das ist klar, fällt alles wieder zusammen.“
„Sie meinen, für die Japaner ist die Katastrophe etwas Selbstverständliches?“ fragte ich, und er pflichtete mir bei, nun noch amüsierter, als er mich das Wort „selbstverständlich“ mit soviel Nachdruck aussprechen hörte.
„Es geht nicht um Fatalismus im Sinne eines Einverstandenseins mit etwas, dessen Sinn und Ziel oder eben Sinn- und Ziellosigkeit in einer fernen Zukunft liegt. Es geht unmittelbar um das Hier und Jetzt. Das Nichts ist immer nah, nicht wahr. So lautet vielleicht eine einfache Formel für japanisches Denken. Die moderne Technik, die wir aus dem Westen übernommen haben, verlangt eine besondere Vorsicht, da sie die Zukunft selbst unter die Herrschaft eines Funktionierens bringt, das man mit Sorge beaufsichtigen muß. Aber ein Japaner denkt: Es geht sowieso schief. Bewußt oder nicht. Ich sehe wohl die Gefahren der nuklearen Technologie, und mein europäischer Verstand sagt mir, daß wir keine Atomkraftwerke bauen sollten. Aber ich protestiere nicht dagegen, weil eine andere Stimme mir versichert: Es geht sowieso schief. Und etwas in mir darüber sehr erleichtert ist. Wahrscheinlich ist diese Erleichterung am Ende japanischer als das nô-Theater, shodô, ohanami oder Reisschnaps.“
Auf jeden Fall ist das Lachen, mit dem er diese Möglichkeit dahingestellt sein läßt, japanischer als alles, was ich bislang über die japanische Kultur erfahren habe, dachte ich.
Mit der Unverbindlichkeit desselben Lachens einigten wir uns zum Abschluß des Gesprächs auf die Bezeichnung japanischer Pragmatismus für die umschriebene Haltung. Ich unterbreitete dem Professor diesen Ausdruck mit der Behauptung, eine Kollegin von ihm habe ihn für etwas Entsprechendes geprägt. Das war zwar erfunden, aber er nahm die Bezeichnung bereitwillig auf.
(Aus: Kai van Eikels, Das Denken der Hand, Frankfurt a.M. u.a. 2003)