Die Kunst des Wartens
Die Kunst des Wartens (Hamburg – St. Pauli: S-Bahn Reeperbahn)
Der S-Bahnhof ist ein Ort des Wartens. Zwar wollen nur die wenigsten Besucher hier länger verweilen, aber das System S-Bahn zwingt doch dazu, zwischen 5 und 20 Minuten auf die nächste Bahn zu warten. Wer sich hier umsieht, stellt schnell fest, dass so ein Bahnsteig ein zum Warten ziemlich ungeeigneter Ort ist: ein mit fiesem Dämmerlicht gefüllter zugiger Raum, der praktisch keine Sitzgelegenheit aufweist und zur Ablenkung nur Werbung und Verbotsschilder anbietet. Hier zu warten ist kein Spaß.
Die Unfreundlichkeit dieses Ortes hat natürlich auch ihren Zweck: Die Betreiber des Bahnhofs haben aus sozialtechnischen Gründen ein erhebliches Interesse daran, dass sich hier niemand länger als unbedingt nötig aufhält, weshalb zum Beispiel auf jedem Bahnsteig das Verbot eines sogenannten “unnötigen Aufenthaltes” gilt. Dieses Verbot entbehrt natürlich an einem Ort, der überhaupt nur zum Warten da ist, nicht einer gewissen grundsätzlichen Lächerlichkeit. Über diese Lächerlichkeit hinaus allerdings ist dieses Verbot ärgerlich, weil es den öffentlichen Raum in seiner Offenheit und seinen Möglichkeiten beschränkt.
Die Kunst des Wartens war der Versuch, dieses Verbot möglichst auszuhöhlen, den Bahnsteig wieder als öffentlichen Raum zu reklamieren und zumindest diesen einen Glaskasten zu einem Ort zu machen, in dem das Warten angenehm und lohnend sein kann. Neben einer akzeptablen Sitzgelegenheit wurde am 17.09.2001 von 16 Uhr bis Betriebsschluss auch die Möglichkeit gegeben, sich über das Warten selbst zu unterhalten. Was genau heißt eigentlich ‘Warten’? Was tut man beim Warten, warum ist das Warten oft so unerträglich, was macht es erträglicher und gibt es nicht etwas, was das Warten manchmal auch ganz schön macht? Sehr verschiedene Leute haben dieses Angebot angenommen und erzählt, wohin sie unterwegs sind, worauf sie warten und was ihre schönste, aufregendste oder schrecklichste Erfahrung des Wartens war. Diesen Erzählerinnen und Erzählern sei herzlich gedankt – nicht zuletzt deshalb, weil sie mir selber die Zeit des Wartens erheblich verkürzt haben.
Gedankt sei:
Gemeinwesenarbeit St. Pauli-Süd (Glaskasten)
Hanno Krieg (Videodokumentation)
matthias anton, büro für marginalien