Agentur für Aktionsforschung
Öffentliche Zeit – 3 Trainingseinheiten der Agentur für Aktionsforschung
Die Agentur für Aktionsforschung führt in Hamburg St. Pauli regelmäßig ein Performance-Training durch. In der Tradition der ‘art by instruction’ basiert jede unserer Trainingseinheiten auf einer Anweisung wie zum Beispiel: “Verbreite ein Gerücht!”
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir im Umgang mit solchen Anweisungen neue Handlungsperspektiven wahrnehmen und unser strategisches Knowhow erweitern können. Wir hoffen, dass sich mit der Zeit ein neues Repertoire an Aktionen, Gesten, Finten und Fluchten entwickelt. Außerdem dokumentieren wir die Aktionsforschung; es geht uns um Techniken der Aufzeichnung, die nicht dem Primat von Sichtbarkeit und Vollständigkeit unterstehen.
Performance Training – das heißt: den öffentlichen Raum als Labor für experimentelles Handeln zu beanspruchen. Die folgenden drei Trainingseinheiten zielen darauf, den öffentlichen Raum als öffentliche Zeit erfahrbar und nutzbar zu machen. Sie sind von unseren AgentInnen getestet worden und werden zur Nachahmung empfohlen!
- Übung 1: Finde ein Alibi
- Übung 2: partitur für polizei und 7 sirenen
- Übung 3: Countdown
Übung 1: Finde ein Alibi!
Die AgentInnen versammeln sich. Uhrenvergleich.
Sie erhalten 90 Minuten Zeit, um sich für die darauf folgenden 90 Minuten ein Alibi zu verschaffen. Es ist nicht erlaubt, sich gegenseitig Alibis zu geben. Es schwächt das Alibi, wenn es auf Aussagen naher FreundInnen beruht. Besonders geeignet sind öffentliche Registrierungen durch Kameras, Automaten, etc. und durch unbekannte Dritte. Nach 90 Minuten treffen die AgentInnen sich an einem konspirativen Ort.
Hier tauschen sie ihre Alibi-Strategien aus und diskutieren:
Wofür könnte die Alibi-Zeit eingesetzt werden?
Übung 2: partitur für polizei und 7 sirenen
über das gebiet der weiteren nachbarschaft werden 7 sirenen verteilt (wie man sie von fußballspielen kennt; möglich sind auch trompeten).
die sirenenspielerInnen besetzen positionen, die einen guten überblick über straßen plätze bieten.
die sirenenmusik wird (in memoriam John Cage) zufallsgeneriert: sobald eine polizeistreife die spielerInnen passiert, wird die sirene betätigt.
die aufführung sollte eine dauer von mehreren stunden nicht unterschreiten und der bevölkerung in geeigneter form angekündigt werden.
Kommentar: Es sollten unterschiedliche Signale für unterschiedliche Manöver der Polizeistreifen (Einfahrt, Ausfahrt, Anhalten, Intervention) ausgemacht werden. Eine Gruppe sollte die Aufführung koordinieren und zu den einzelnen Stationen Kontakt halten. Alle SirenenspielerInnen sind angehalten, genau über ihren Einsatz Buch zu führen, so dass schließlich eine realisierte Partitur aufgezeichnet werden kann.
Übung 3: Countdown
noch 3 Monate
noch vierzig Tage
noch zwei Wochen
noch 7 Tage
noch 100 Stunden
noch drei Tage
noch 48 Stunden
noch eine Nacht
noch 3 Stunden
noch bis es dunkel wird
noch 90 Minuten
noch 5 Minuten
noch 60 Sekunden
noch einen Augenblick
Jeder Agent und jede Agentin schreibt eine dieser Zeilen öffentlich sichtbar auf und zwar so, dass der Schriftzug voraussichtlich in der Zeit wieder verschwindet, die er selbst angibt. Dies hängt natürlich von den verwendeten Materialien und den Rhythmen ab, die auf den Schriftzug einwirken.
Trifft die Voraussage ein? Die geschriebene Zeile, das verwendete Material und der Ort der Schreibung werden zum realisierten Countdown zusammengestellt. Eine der Strophen könnte z.B. lauten:
noch 3 Tage
Farbe auf Trottoire
Lange Straße St. Pauli